Ostern, Fasten und die Kunst der inneren Transformation
Wir befinden uns mitten in der Fastenzeit. Ostern steht vor der Tür. Und vielleicht fragst du dich, was das mit dir zu tun hat – ganz unabhängig davon, ob du gläubig bist, dich mit der christlichen Kirche identifizierst oder spirituelle Jahreskreisfeste für dich eher ein weites Feld sind.
Die Antwort liegt in der Symbolik. Denn hinter den konkreten religiösen Lehren und Worten steckt eine Bildsprache, die bei genauerem Hinsehen eine eigene Weisheit trägt – eine, die sich wunderbar für den persönlichen Transformationsweg nutzen lässt. Das gilt für Weihnachten genauso wie für die Osterzeit. Und genau das möchte dieser Beitrag tun: dich ein Stück mitnehmen auf eine Reise durch diese Symbolik – und dazu einladen, sie für dich selbst fruchtbar zu machen.
Fasten: mehr als Verzicht auf Essen
Die Fastenzeit – diese sechs Wochen vor Ostern – ist klassischerweise eine Zeit des Verzichts auf Nahrung. Aber bevor du denkst: „Das ist nichts für mich“, lohnt es sich, das Thema etwas weiter zu fassen.
Wonach würde es sich für dich anfühlen, wirklich zu verzichten?
Nicht im Sinne von Strenge oder Selbstbestrafung, sondern im Sinne von: Was sind die kleinen Ablenkungen in meinem Alltag, die kleinen Süchte, die kleinen Ausflüchte, die ich mir gönne, um nicht wirklich bei mir anzukommen? Um bestimmte Gefühle nicht zu fühlen? Um bestimmte Situationen nicht klar sehen zu müssen?
Diese Ablenkungen haben in der Regel eine Schutzfunktion. Sie halten uns funktionsfähig. Und das ist nicht per se schlecht. Aber manchmal lohnt es sich, sie für eine Weile beiseite zulegen, um zu schauen, was darunter liegt.
Im persönlichen Fastenexperiment zeigt sich das manchmal ganz konkret: Wer zum Beispiel merkt, dass Essen eine wichtige emotionale Funktion übernimmt – als Erdung, als Trost, als Ablenkung vom eigenen Innenraum – der erfährt beim Fasten recht schnell, wie nah dieses Thema tatsächlich sitzt. Aber auch andere Muster können unabhängig vom Essen solche Ablenkungen sein: das ständige Kümmern um andere, das Eintauchen in das Leben der Menschen um einen herum, das Busy-Sein. All das hat etwas Wahres und Schönes in sich und kann trotzdem manchmal auch ein Weg sein, bei sich selbst nicht so genau hinzuschauen.
Fasten in diesem Sinne ist kein äußerer Akt der Disziplin. Es ist eine Einladung zur Begegnung mit sich selbst.
Das Geschenk des Unbehagens: zurück zu sich
Was passiert, wenn wir unsere gewohnten Coping-Strategien für eine Weile weglegen?
Zunächst: Es ist unangenehm. Die Schutzmechanismen, mit denen wir uns sonst durch den Alltag bewegen, sind plötzlich weg. Wir sind mehr bei uns. Gefühle, die sonst eher in den Hintergrund getreten sind, kommen nach vorne. Es braucht Zeit mit sich selbst – echte, unverstellte Zeit.
Und dann passiert etwas Interessantes: Es findet eine Art Abgleich statt, wie ein Update der eigenen Festplatte, könnte man sagen. Plötzlich wird klarer, was noch stimmig ist und was sich reibt. Es zeigt sich, wo man aus bestimmten Verhaltensmustern, aus bestimmten Versionen seiner selbst herausgewachsen ist, ohne die zu enge Kleidung schon abgestreift zu haben.
Das ist keine angenehme Erkenntnis, aber es ist eine befreiende.
Die Kreuzigung: Was darf sterben?
Hier wird die Ostersymbolik relevant. Wenn wir uns durch die Fastenzeit – physisch oder psychisch – ein Stück gereinigt haben und wieder klarer sehen, kommt die eigentliche Frage: Welche Version von mir passt nicht mehr? Welcher Anteil von mir, welches Verhaltensmuster, welche Schicht meiner Identität muss und darf „sterben“ – damit eine neue, stimmigere Version von mir „auferstehen“ kann?
Das klingt vielleicht etwas drastisch. Und ja, das Bild der Kreuzigung ist nicht sanft. Es steht für etwas, das Mut erfordert – nämlich das bewusste Opfer einer alten Version von sich selbst. Was das im Leben bedeuten kann, ist sehr individuell. Es kann das Ende einer Überzeugung sein. Es kann das Loslassen einer Rolle sein, die man lange gespielt hat, um zu gefallen oder anecken zu vermeiden. Es kann das Zurückziehen von Energie sein, die man immer nach außen gegeben hat – zu anderen, zu Projekten, zu allem außer sich selbst – um diese Energie wieder zu sich zurückzuholen und sich selbst dadurch mehr zu spüren.
Diese alte Version stirbt nicht, weil sie falsch war. Sie stirbt, weil sie ausgedient hat. Weil sie uns zu eng geworden ist, weil wir uns weiterentwickelt haben und es Zeit ist, das auch äußerlich sichtbar werden zu lassen.
Der Schmetterling: warum der Kokon gesprengt werden muss
Falls dir das Bild der Kreuzigung zu archaisch erscheint, gibt es ein anderes, das vielleicht leichter zugänglich ist: die Raupe und der Schmetterling.
Was dabei oft nicht bekannt ist: Wenn ein Schmetterling seinen Kokon verlässt, muss er ihn selbst aufsprengen. Er kämpft sich durch diese enge Hülle und genau diese Kraftanstrengung ist es, die seine Flügel aktiviert. Würde man ihm helfen und die Arbeit abnehmen, könnte er danach nicht fliegen!
Das ist ein Bild, das Mut machen kann. Denn in dem Moment, in dem wir das Gefühl haben, wir müssen gerade unseren Kokon aufsprengen – wenn es uns unglaublich viel Kraft kostet, etwas zurückzulassen, die eigene Komfortzone zu verlassen, das vertraute Nest hinter uns zu lassen – ist es genau diese Kraftanstrengung, die uns in unsere nächste Version trägt.
Wandel ist fast immer verbunden mit Unsicherheit. Wir stellen uns die Frage, wie das Umfeld auf die veränderte Version von uns reagieren wird und wie wir diesen Zwischenraum aushalten können, in dem das Alte schon gegangen und das Neue noch nicht greifbar ist.
Aber auf der anderen Seite dieser Anstrengung warten die Flügel.
Drei Fragen zum Nachdenken
Nimm dir einen Moment und erlaube dir, ehrlich hinzuschauen:
Was möchtest du loslassen? Was möchtest du hinter dir lassen, abstreifen, opfern? Was fühlt sich zu eng an, entspricht nicht mehr deiner Wahrheit, passt nicht mehr zu dem, wer du gerade wirklich bist?
Was will in dir auferstehen? Welche Version von dir, freier und echter, wartet darauf, Raum zu bekommen?
Was motiviert dich genug? Was zieht dich so sehr in dieses Neue, dass es dir die Kraft gibt, die Unsicherheit auszuhalten – in dem Wissen, dass du danach deine Flügel ausbreiten kannst?
Diese Transformationszeit braucht vor allem eines: Güte mit dir selbst. Die Bereitschaft zur Veränderung ist kein Zeichen von Schwäche – sie ist ein Zeichen tiefer innerer Stärke.
Von Herzen alles Liebe auf deinem Weg. ❤️

